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Weltsozialforum

20.03.11 16:50 Alter: 1 Jahre
Von: Uli Brand

Eindrücke von Uli Brand

Weltgeschichte wird in diesen Tagen in Kairo und anderen nordafrikanischen Städten und Ländern geschrieben. Doch das seit 2001 bestehende Weltsozialforum, das Mitte Februar in Dakar stattfand, erweist sich als unverzichtbarer Raum, um sich auf transnationaler Ebene auszutauschen, Strategien zu entwickeln und Kampagnen zu lancieren. Für viele AktivistInnen begann das WSF bereits eine Woche vorher mit einer Karawane zum Thema Migration vom malischen Bamako nach Dakar, um über die komplexen Zusammenhänge von Migration zu informieren, voneinander zu lernen und sich politisch zu vernetzen. Es gab weitere Karawanen in die senegalesische Hauptstadt, mit denen die Teilnehmenden „unterwegs“ auf ihre Anliegen aufmerksam machten und andere Verhältnisse kennenlernten. Das Treffen selbst begann mit einer Auftaktdemonstration, der Montag war thematisch um afrikanische Themen herum organisiert. Es folgten zwei Tage, die inhaltlichen Diskussionen und dem Austausch gewidmet waren sowie zwei weitere Tage für Vernetzung und Aktionsplanung. Abschließend fand eine „Versammlung derVersammlungen“ statt.


Dakar als Austragungsort

Wie immer, wenn das WSF erstmals an einem Ort stattfindet, begannen die ersten

Tage mit erheblichen organisatorischen Problemen. Die Regierung tat ihr Übriges

dazu, indem der Regierungschef Abdoulaye Wade nicht nur wenige Monate vor dem

Forum die zugesagten Finanzmittel deutlich kürzte, sondern zudem kurz vorher den

Rektor der Universität von Dakar, auf deren Campus das Forum stattfand,

auswechselte. Der neu Berufene ordnete an, dass parallel zum WSF der Lehr- und

Prüfungsbetrieb stattfinden solle, was zu einer unangenehmen Konkurrenzsituation

im Hinblick auf Räume führte. Durch die kurzfristige Entscheidung blieb wenig Zeit für

Alternativen und es stellte vor allem jene Gruppen und Individuen vor erhebliche

Probleme, die noch nicht oder weniger transnational vernetzt sind. Mitunter gelang es

jedoch, die Lehrveranstaltungen inhaltlich mit WSF-Themen zu füllen, viele

Veranstaltungen fanden dann in Zelten statt. Wegen der organisatorischen Probleme

war es jedoch schwierig, die so dringend notwendige Kultur des Dialogs und Lernens

praktisch zu realisieren. Das WSF hätte wahrscheinlich dann eine besonders

nachhaltige Wirkung auf die Verhältnisse in Senegal haben können, wenn die

Studierenden der Universität, die zu Tausenden auf dem Campus waren, politisch

besser in den Vorbereitungsprozesse eingebunden worden wären. Es gab zwar

offensichtliches Interesse an den vielfältigen Aktivitäten auf dem WSF, aber keine

oder eine nur schwache Einbindung studentischer Organisationen.

Dass eine beiderseitige Abneigung zwischen dem Präsidenten und den Bewegungen

besteht, zeigte eine Veranstaltung des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Lula

mit dem aktuellen senegalesischen Amtsinhaber. Das Publikum verließ massenhaft

und fluchtartig das Gelände als Letzterer das Wort ergriff.

Der Austragungsort des WSF spielt immer eine Rolle. Für viele Teilnehmenden aus

Europa war die Erfahrung eines angenehm offenen und religiös toleranten

islamischen Landes wichtig. Inhaltlich waren vor zwei Jahren im brasilianischen

Belem die Abholzung des Amazonasgebiets und der Widerstand dagegen

allgegenwärtig. Dieses Mal spielten die Landwirtschaft in Afrika, der derzeit

großflächige Landkauf (land-grabbing) durch internationale Investoren – oft genug

vermittelt mit lokalen Interessengruppen –, die militärische Präsenz Frankreichs und

die (neo-)kolonialistische Rolle Europas in der Region eine große Rolle. Häufig ging

es um die Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft. Allerdings wurden

feministische Themen weniger als auf früheren WSF diskutiert. Eine Teilnehmerin

der Delegation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die wiederum sehr präsent war,

politisch jedoch angenehm zurückhaltend agierte, meinte am Ende treffend:

„Inwiefern dieses Weltsozialforum angesichts der Tausenden von jungen Menschen

als politischer Katalysator wirkt, das kann man ohnehin erst in ein paar Jahren

sehen. Wenn nämlich demokratische Bewegungen in Westafrika deutlich gestärkt

werden.“


Ägypten und die Funktionen des WSF

Den meisten politischen Rückenwind bekam das WSF mit denschätzungsweise

90.000 Teilnehmenden von den Entwicklungen in Ägypten. Die Bedeutung

demokratischer sozialer Bewegungen wurde just in den Tagen von Dakar

weltöffentlich deutlich. Allerorten wurden die autokratischen Regierungen der meisten

afrikanischen Länder kritisiert. Man spürte trotz der tiefen Krise und Fortdauer

neoliberaler Politiken in vielen Weltregionen förmlich ein wenig historischen

Rückenwind.

Das WSF ist Ausdruck der keineswegs homogenen Bewegungen für eine andere

Globalisierung. Die politischen Themen waren umfassend: Die aktuelle Krise und

neoliberale Politiken, Kriege und zunehmende Gewalt, unterschiedliche Dimensionen

der Menschenrechte, Bildung, Medien und Kultur, Arbeit, Gewerkschaften und

Migration, die ökologische Krise, Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern und

Rassismus.

Austausch und Vernetzung finden vor allem in den jeweiligen Problembereichen

statt, wenngleich immer wieder nach Querverbindungen gesucht wird. Was für

Außenstehende unübersichtlich ist, hat über die Jahre hinweg Struktur erhalten.

Spezifischere Diskussionen finden etwa entlang der Themen Finanzmarktkrise und

Regulierung oder dem Zusammenhang von wirtschaftlichem Wachstum und knappen

Ressourcen statt. Insbesondere die politische Phrasendrescherei, in der meist ältere

weiße Männer dem Publikum die Welt erklären, hat deutlich abgenommen. Diese

Tatsache kann in einen breiteren Kontext gestellt werden. Francine Mestrumvon der

Universität Brüssel und Aktivistin in globalisierungskritischen Netzwerken formulierte

im vergangenen Jahr treffend: „Das WSF ist ein Spiegelbild der sozialen

Bewegungen, die sich daran beteiligen. In Europa haben viele dieser Bewegungen

ihre Wurzeln in dem auf den Staat bezogenen sozialistischen Gedankengebäude.

Die Finanz-und Wirtschaftskrise hat einen Rückschlag für die verschiedenen

Bewegungen erzeugt, die wieder einfach ihre orthodox-marxistische Vision

verteidigen, deren bekannte Unzulänglichkeiten vergessend und die globalen

Veränderungen und neuen politischen Akteure missachtend. Die "alte Linke" ist

immer noch eines der Rückgrate des Sozialforumsprozesses, aber sie ist – wenn

nach innen gerichtet – zugleich eine der größten Hindernisse für die Überwindung

ihrer Defizite.“ (http://www.weltsozialforum.org/strategie/news.2010.3/ )

Das WSF ist weiterhin Ausdruck der schwierigen Transnationalisierung von

praktischer Kritik und Alternativen. Die vielen lokalen Widerstände gegen die

Nutzung gentechnisch veränderten Saatguts agieren gegen globale Unternehmen

wie Monsanto und ihre staatlichen Unterstützer. Alternativen zur herrschenden und

wenig effektiven Klimapolitik müssen zwar konkret in der Energiepolitik, Stadtplanung

oder anderen Produktionsformen formuliert werden, aber sie werden durch

transnationale Aufmerksamkeit und gegenseitiges Lernen gestärkt.

Das Klimathema ist ein gutes Beispiel, wie und welche Dynamiken sich auf dem

WSF entwickeln können. So kamen Gruppen nach Dakar, die gegen die repressive

und ökologisch zerstörerische Ausbeutung von Erdöl etwa im Nigerdelta oder gegen

den Uranabbau in Niger protestieren. Das Motto der „Klimagerechtigkeit“ wird zum

Oberbegriff einer ganz anderen Energiepolitik, die mit einem grundlegenden Umbau

der Produktions- und Lebensweise einhergehen muss. Eine Forderung lautete:

„Lasst die fossilen Ressourcen im Boden!“ Diese neuen Formen der Energiekämpfe

werden auch auf der nächsten Klimakonferenz im Dezember in Durban und wohl

auch in der „Rio plus 20“-Konferenz bzw. dem Parallelkongress in Brasilien im Mai

2012 eine Rolle spielen.

Kämpfe um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen in unterschiedlichen Regionen

und Bereichen sind traditionell ein zentrales Thema auf dem WSF. Gewerkschaften

spielten bei diesem Forum jedoch eine deutlich geringere Rolle als zuvor. Zum einen

hat die Teilnahme internationaler GewerkschafterInnen, insbesondere aus Europa

deutlich abgenommen, was die Resonanzen des WSF innerhalb der organisierten

ArbeiterInnenbewegung erschweren wird. In Österreich war beispielsweise die

erfolgreiche „Stop GATS!“-Kampagne eine Folge der Teilnahme österreichischer

GewerkschafterInnen auf einem der ersten WSF in Porto Alegre. Die Schwache

Präsenz der Gewerkschaften hängt wiederum mit dem Austragungsort zusammen.

Bei etwa zehn Millionen EinwohnerInnen im Senegal mit einer weitgehend

informalisierten Ökonomie gibt es schätzungsweise 250.000 formalisierte

Arbeitsverhältnisse. In den Nachbarländern dürfte es nicht viel anders aussehen. Die

WSF in Brasilien hingegen wurden ganz zentral von den dortigen Gewerkschaften

getragen.


Alternative Entwicklung oder Alternativen zu Entwicklung?

In den Diskussionen entstand der Eindruck, dass in (West-)Afrika noch viel stärker

um „Entwicklung“ in einem klassischen und progressiven Sinne gerungen wird – der

Begriff von real development tauchte immer wieder auf –, nämlich als Kampf gegen

Armut und Korruption, gegen den imperialen Zugriff von außen (vor allem Europas,

aber auch Chinas oder Brasiliens) und für die Demokratisierung und Verbesserung

sozio-ökonomischer, politischer und kultureller Lebensverhältnisse. Das WSF vor

zwei Jahren in Belem brachte neben dieser auch dort präsenten Perspektive einen

anderen Ton in die Debatte, was damit zu tun hat, dass „Entwicklung“ in vielen

lateinamerikanischen Ländern derzeit im obigen Sinne ja stattfindet – das

dynamische Wachstum verbessert die Lebenslage von Millionen, integriert mehr

Menschen in die formelle und informelle Lohnarbeit, erhöht staatliche

Verteilungsspielräume Doch dies geschieht um den Preis einer enormen

ökologischen Zerstörung, führt zu einer Schwächung von Alternativen zum

imperialen und neoliberalen Weltmarkt, bedingt eine imperiale Lebensweise in den

kapitalistischen Zentren und in den Mittel- und Oberschichten der Länder des

Globalen Südens. Daher war in Belem und ist heute in Lateinamerika eine

emanzipatorische Perspektive sichtbar, der es um eine notwendige Umorientierung

von „Entwicklung“ selbst geht. Der in Belem prominente Begriff der Zivilisationskrise

war in Dakar absent.

Allerdings wird diese Debatte auch in Lateinamerika – mit Ausnahme Boliviens und

Ecuadors – eher am Rande geführt. Vor zwei Jahren hatte ich nach dem WSF

formuliert, dass eine der wichtigsten Auswirkungen des WSF sein könnte, der

ökologischen Raserei im Amazonas Einhalt zu gebieten. Doch das ist nicht

geschehen. Das Wasserkraftprojekt Belo Monte in einem Seitenfluss des Amazonas,

das drei Talsperren und zwei Stauseen von der Größe des Bodensees schaffen soll,

über zehn Prozent des brasilianischen Strombedarfs decken soll und enorme sozioökologische

Implikationen hat, ist im Januar in die letzte Planungsphase gegangen

(ursprünglich war eine vier Mal so große Fläche geplant, doch das Projekt wurde

nach massiven Protesten verkleinert). Statt eine Politik der Energieeffizienz und des

Energiesparens zu fördern, fließen Milliarden-Investitionen in ein Projekt, das zudem

sehr stark der weltmarktorientierten Montanindustrie zugute kommt.

Im Gegensatz zum WSF in Belem vor zwei Jahren war dieses Jahr weder die starke

Präsenz von progressiven Präsidenten – damals traten jene von Bolivien, Brasilien,

Ecuador, Paraguay und Venezuela auf –, noch die Dominanz einer Partei wie der

brasilianischen Arbeiterpartei ein Problem. Entgegen der Absprache mit dem

International Council des WSF ließen die lokalen OrganisatorInnen zwar den

bolivianischen Präsidenten Evo Morales sprechen, aber das wurde nicht als

Vereinnahmungsversuch gewertet. Auch die in Belem noch präsenten Firmen wie

der brasilianische Energiemulti Petrobras hielten sich dieses Mal zurück, obwohl der

Firma immer wieder offiziell für Unterstützung gedankt wurde.


Perspektiven des WSF: Raum oder Akteur oder …

Allerdings dürfen die tagesaktuellen Geschehnisse in Nordafrika nicht darüber

hinweg täuschen, dass das WSF neben den erfreulichen Entwicklungen in einigen

Bereichen derzeit nicht in der Lage ist, umfassende Diskussionen dahingehend zu

organisieren, dass wirklich globale Bezugspunkte entstehen. In Belem 2009 deutete

sich das mit dem bereits erwähnten Begriff der Zivilisationskrise an, doch Diskurse

wurden nicht weitergeführt. Das WSF ist auch kein Anziehungspunkt für

Intellektuelle, die in spannenden und pluralen Auseinandersetzungen auf solche

Bezugspunkte hinarbeiten könnten.

Der Modus der thematisch orientierten und auf Strategieentwicklung und Aktionen

orientierten Versammlungen in der zweiten Hälfte des Forums – in diesem Jahr

waren es um die vierzig – hat sich zwar als geeignet erwiesen, um in den je

spezifischen Konfliktfeldern handlungsfähig zu werden. Und dennoch stellt sich

angesichts der multiplen Krise die Frage gemeinsamer Bezugspunkte ganz dringend.

Wie könnte beispielsweise eine umfassende Orientierung an Gerechtigkeit und

Solidarität die Spezifität der einzelnen emanzipatorischen Kämpfe verdeutlichen und

dennoch auf etwas Gemeinsames hin orientieren? Den Neoliberalen ist es ja

gelungen, mit den Begriffen Freiheit und Effizienz ihre Interessen im Sinne einer

kapitalistischen Rationalität in den meisten gesellschaftlichen Bereichen zu

verankern. Die Bewegung für eine andere Globalisierung agiert, meines Erachtens

sinnvollerweise, in einzelnen Konfliktfeldern, doch in diesen artikulieren sich ja

übergreifende Entwicklungen und es müssen gemeinsame Bezugspunkte hergestellt

werden. Der Verzicht darauf, wie bei den ersten WSF zentrale „große“ Debatten zu

organisieren, ist zum einen berechtigt, da eben dadurch die Mannigfaltigkeit der

Kämpfe anerkannt wird (und diese Debatten waren auf den ersten WSF nicht allzu

prickelnd). Sie ist aber in derzeit dynamischen Zeiten wie diesen, in denen es

durchaus um Orientierung geht, auch ein Manko.

Es gibt weiterhin eine intensive Diskussion darüber, ob das WSF eher ein politischer

Raum bleiben soll, in dem sich unterschiedlichste Bewegungen treffen können, um in

den Feldern wie Landwirtschaft, Migration, Klimapolitik, Geschlechtergerechtigkeit,

Antirassismus oder Welthandel ihre Erfahrungen auszutauschen und Strategien zu

entwickeln.

Eine andere Position argumentiert, dass das WSF zu einem politischen Akteur

werden solle, der einheitlicher auf der weltpolitischen Bühne auftritt und damit an

Einfluss gewinnt. Bernard Cassen, Mitbegründer von Attac-Frankreich und einer der

Protagonisten der Ausrichtung des WSF als Akteur, will mit dieser Position die

angeblich durch die Vielfalt des WSF verursachte Schwäche überwinden. Er

argumentiert, dass ein „Bruch“ mit dem aktuell vorherrschenden neoliberalen Modell

eben nur mit einem WSF möglich wäre, das stärker einen Akteursstatus annimmt.

Auf den ersten Blick spricht für diese Position, dass die „Versammlung der

Bewegungen“, die sich jeweils gegen Ende des Forums als Zusammenkunft der

radikaleren Kräfte trifft, ein eher hilfloses, sich in Allgemeinplätzen verlierendes,

strategisch unbrauchbares Dokument als Abschluss-Statement angenommen hat.

Cassen hat Recht: In der Tat fehlen klare Transformationsstrategien und das WSF

hat erhebliche Probleme, die Handlungsfähigkeit von Bewegungen zu verbessern.

Doch die Semantik des Cassenschen Arguments ist, dass im Raum viel geredet,

aber nicht gehandelt wird. Das stimmt, trotz allem nicht genutzten Potenzials, so

nicht.

Zwei Argumente sprechen dafür, das WSF als strukturierten und strukturierenden

Raum im Lichte der Erfahrungen weiterzuentwickeln. Zum einen wird zuvorderst in

den konkreten Konfliktfeldern agiert wie Finanzmarktregulierung, die Stärkung der

Frauen-Menschenrechte, Migration und Antirassismus oder für eine andereEnergieund

Klimapolitik. Zusammenhänge und Konvergenzen müssen analytisch wie

politisch hergestellt werden. Das kann nicht „von oben“, durch den International

Council oder eine andere Kraft laufen, denn dann besteht die Gefahr einer

vereinheitlichenden Weltsicht und der Suche nach einheitlichen Akteuren. Wenn man

sieht, wie die orthodoxen, oft genug eurozentrischen und links-etatistischen

Strömungen eben der Vielfältigkeit von Lebenserfahrungen und die Suche nach

Alternativen ausblenden, wünscht man sich auch nicht unbedingt, dass diese

Strategien von den selbsternannten Vordenkern formuliert werden, die allzu schnell

bei der/ihrer radikalen politischen Partei landen.

Zweitens finden Ansatzpunkte oder gar praktische Politiken des Bruchs mit

neoliberal-imperialen oder gar kapitalistischen Logiken, das zeigen die letzten Jahre,

eben eher auf lokaler und nationalstaatlicher Ebene (siehe Lateinamerika) oder in

den spezifischen Konfliktfeldern statt. Ich habe keine Lösung für die relative

Schwäche emanzipatorischer Politik auf globaler Ebene. Mir scheint die politische

Aufwertung des WSF zu einem Akteur eher als Ausdruck von Hilflosigkeit.

Handlungsfähigkeit, und davon war Dakar ja wiederum ein Beleg und Ägypten ließ

grüßen, stellt sich komplexer und kontingenter her.


Ausblick

Auf der Ebene transnationaler Strategieentwicklungen könnte in den kommenden

Jahren eine zunehmende Süd-Süd-Vernetzung von Intellektuellen und AktivistInnen

mit teilweise gutem Zugang zu progressiven Regierungen wichtiger werden. In Dakar

gab es dazu ein von Samir Amin initiiertes Treffen und in den kommenden Monaten

soll ein Arbeitsprogramm formuliert werden. Interessant wird hier in Zukunft sein, wie

bei progressiven Kräften damit umgegangen wird, dass die aktuellen politischen und

ökonomischen Süd-Süd-Kooperationen oft genug subimperial imprägniert sind, denn

die Regierungen Brasiliens, Chinas, Indiens oder Südafrikas beanspruchen eine

Führungsrolle für ihre Region oder „den“ Süden. Die massiv zugenommenen

westafrikanischen Lebensmittelimporte aus Brasilien stellen für die Landwirtschaft

ebenso eine Gefahr dar wie jene aus Europa.

Das Forum steht für einen langatmigen Prozess. Das geht mit Rückschlägen einher

wie etwa die keineswegs progressive Bearbeitung der Wirtschafts- und Finanzkrise,

wodurch die globalen Probleme eher vergrößert werden und innerhalb sozialer

Bewegungen tendenziell für Frustration sorgen. Immer wieder wurde auch Kritik

daran geäußert, dass der Sozialforumsprozess in Europa nicht funktioniert. Doch es

gibt keine Alternative dazu, in aufwendigen Such- und Lernprozessen

transnationales Momentum zu gewinnen. In einigen Bereichen scheint das zu

gelingen, in anderen weniger.

In Europa bestehen dafür nach dem desaströsen Europäischen Sozialforum im

letzten Sommer kaum Anknüpfungspunkte. Ganz im Gegenteil offenbar zu dem kurz

vor dem ESF stattgefundenen US-amerikanischen Sozialforum. Viele berichteten von

dem Treffen in Detroit im letzten Juni fast euphorisch, da es gelungen sei, viele

Menschen zu involvieren, eine Kultur des Zuhörens und Austausch zu schaffen und

die eine oder andere Perspektive verbindlicher Kooperation zu entwickeln.

Das WSF in Dakar ist mit dem ESF 2010 auf keinen Fall vergleichbar. Und dennoch

hatte man bei beiden Treffen teilweise (und wirklich nur teilweise!) den Eindruck,

dass es nicht um das geht, wofür die Sozialforumsbewegung geschaffen wurde:

Emanzipatorische Politiken auf der Höhe der Zeit und unter gar nicht gemütlichen

Bedingungen zu formulieren.

Es gibt aber keine Alternative zum WSF. Es muss sich, um ein immer wieder

gebrauchtes Wort zu nutzen, mit der Unterstützung vieler neu erfinden, damit es ein

strukturierter wie strukturierender Raum ist und von ihm Impulse ausgehen. Ob es

dafür besser zum wiederholten Male an denselben Orten stattfindet, also in gewisser

Weise zwischen drei oder vier Orten wandert, um das so dringend benötigte

organisatorische Erfahrungswissen zu akkumulieren, ist eine so offene wie wichtige

Frage. Auf jeden Fall sollte es dort stattfinden, wo es dynamische Bewegungen gibt,

es also in der Erfahrung der Bewegungen vor Ort um etwas geht und das auch

praktisch angegangen wird.

Der Autor dankt der Rosa-Luxemburg-Stiftung dafür, dass sie ihm die Teilnahme am

WSF ermöglichte. Kurzversionen des Beitrages erschienen in „Freitag.online“ und

„Wiener Zeitung“.